Hyper- oder Hypoaktiv ?

Im DSM-IV werden die Symptome der ADHS in zwei Gruppen aufgeteilt, einzeln benannt und genauer beschrieben. Demnach müssen mindestens sechs der Symptome entweder einzeln oder zusammen aus beiden Symptomgruppen und über einen Zeitraum von mindestens einem halben Jahr auftreten, um ADHS als diagnostiziert ansehen zu können :

A) Mindestens sechs der folgenden Symptome von Unaufmerksamkeit / Hypoaktivität haben seit wenigstens sechs Monaten in einem unpassenden und nicht dem Entwicklungsstand des Patienten entsprechenden Ausmaß bestanden :

  1. Beachtet oft Einzelheiten nicht genau oder macht Flüchtigkeitsfehler bei schulischen Aufgaben, bei der Arbeit oder bei anderen Tätigkeiten,
  2. Hat oft Mühe, längerfristig aufmerksam zu sein bei Arbeit oder Spiel
  3. Scheint oft nicht zuzuhören, wenn direkt angesprochen, wirkt geistig abwesend, („Tagträumer“, „Träumsuse“)
  4. Führt oft Anweisungen nicht vollständig aus oder beendet Arbeiten in der Schule, Zuhause oder am Arbeitsplatz nicht
    (nicht verursacht durch oppositionelles Verhalten oder weil die Anweisungen nicht verstanden wurden)
  5. Hat Mühe, Aufgaben und Tätigkeiten planvoll und strukturiert abzuwickeln, verliert sich in unwesentlichen Details,
  6. Beginnt mehrere Tätigkeiten gleichzeitig ohne eine Sache erst zu beenden
  7. Vermeidet, verweigert oder übernimmt nur ungern Aufgaben, die längere Konzentration erfordern, wirkt bei Routinetätigkeiten gelangweilt und unmotiviert; sucht oft neue „Herausforderungen“ und „anspruchsvollere“ Tätigkeiten, fühlt sich oft „überlegen“
    (meist nur bei überdurchschnittlicher Intelligenz oder „Hochbegabung“)
  8. „Verliert“ oder „verlegt“ oft Dinge, die für Aufgaben und Tätigkeiten notwendig sind
    (z.B. Hausaufgabenheft, Schreibstifte, Bücher oder Werkzeug, „Turnbeutelvergesser“)
  9. Wird oft leicht abgelenkt durch unwesentliche Reize
  10. Ist oft vergesslich bei Alltagstätigkeiten

B) Mindestens sechs der folgenden Symptome von Hyperaktivität / Impulsivität haben seit wenigstens sechs Monaten in einem unpassenden
und nicht dem Entwicklungsstand des Patienten entsprechenden Ausmaß bestanden :

  1. zappelt oft mit Händen oder Füssen oder windet sich auf dem Stuhl
  2. verlässt oft den Sitzplatz in Situationen, bei denen Sitzenbleiben erwartet wird
  3. rennt oft herum, „kippelt“ mit dem Stuhl oder klettert überall hoch in unpassenden Situationen
    („Zappelphilipp“ – bei Jugendlichen / Erwachsenen eher als Gefühl von Rast- / Ruhelosigkeit)
  4. hat oft Mühe, bei der Erledigung von Aufgaben keine Geräusche zu machen,
    führt Selbstgespräche in denen er sich z.B. selbst laute “Anweisungen” gibt, wie die Aufgabe zu lösen ist
  5. ist oft umtriebig oder benimmt sich oft wie von einem Motor angetrieben
  6. redet oft übermäßig viel – „schwafelt“ -, neigt zu schnellem, holprigem Sprechen, verschluckt Silben und Wörter,
    häufige Themenwechsel innerhalb eines Gespräches, im Extremen sogar innerhalb eines Satzes
  7. platzt oft mit der Antwort heraus, bevor Fragen komplett gestellt sind
  8. hat oft Mühe zu warten, bis er an der Reihe ist, mangeldes Zeitgefühl, ist extrem ungeduldig,
  9. unterbricht oder stört andere,  mischt sich z.B. ungefragt in Unterhaltungen oder Spiele ein
  10. ist oft gereizt und jähzornig, neigt zu plötzlichen und heftigen Wutanfällen und / oder aggressivem Verhalten, meist jedoch ohne ersichtlichem Grund

C) Die Symptome der Hyperaktivität/ Impulsivität und / oder der Unaufmerksamkeit mit beeinträchtigender Wirkung waren vor dem Alter von 6 Jahren schon vorhanden.
D) Die Beeinträchtigungen treten in mindestens zwei räumlich und / oder situativ getrennten Bezugssystemen auf z.B. Schule / Arbeitsplatz und Zuhause.
E) Es muss eine deutliche Beeinträchtigung im sozialen, schulischen- oder beruflichen Bereich vorliegen.
F) Die Symptome treten nicht ausschließlich im Rahmen einer umfassenden Entwicklungsstörung, Schizophrenie, und / oder anderen Psychosen auf und sind auch nicht durch andere psychische Störungen besser erklärbar. (z.B. emotionale Persönlichkeitsstörung, Angststörung, Dissoziationsstörung, abnorme Persönlichkeit)

Anmerkungen:

Die vorgenannten Punkte beziehen sich in der Hauptsache auf Kinder und Jugendliche.
Eine ADHS-Diagnose bei Erwachsenen lässt sich aber – bei entsprechender Anpassung der Kriterien – anhand des DSM-IV ohne Weiteres qualifiziert durchführen.
Viele der genannten Symptomatiken können bei fast jedem Menschen mehr oder weniger ausgeprägt auftreten. Daher ist die Bedeutung des „unpassenden und nicht dem Entwicklungsstand des Patienten entsprechenden Ausmaßes“ der Symptome bei der ADHS-Diagnose durch einen Arzt von entscheidender Wichtigkeit.

Für eine als „gesichert“ geltende Diagnose ist die Erfüllung der Punkte C bis F zwingend erforderlich !
Besonders der Punkt F verdient eine hohe Beachtung, da eine Behandlung auf ADHS – ob rein psychologisch bzw. psychotherapeutisch und / oder medikamentös – beim Vorliegen der dort genannten Erkrankungen bzw. Störungen ernste Folgen für den Patienten haben könnte.

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