Ursachen

Obwohl die Meinungen über die möglichen Ursachen der ADHS zum Teil noch immer recht weit auseinander liegen und hier noch viel Forschungsarbeit zu leisten ist, steht nach dem heutigen Stand der Wissenschaft es “mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit” fest, das ADHS eine genetisch bedingte – und somit erbliche – Störung des Hirnstoffwechsels darstellt.

Einen entsprechenden Bericht über eine relativ aktuelle Studie findet man – als ein Beispiel von vielen – unter : www.wissenschaft.de

Neben dieser medizinisch-biologischen Ursache, können aber auch so genannte „psychosoziale“ Aspekte als mögliche Auslöser der ADHS-typischen Symptome in Frage kommen. Äußere Umstände wie z.B. das Elternhaus, die Erziehung, das soziale Umfeld, private Bindungen, usw. bilden eine Reihe wesentlicher Faktoren, welche die Symptome der ADHS ggf. zum „Ausbruch“ bringen bzw. auch verstärken könnten.
ADHS wird – wie der Name schon sagt – geprägt durch ein Defizit an Aufmerksamkeit. Innere und äußere Reize, also alle über die Sinnesorgane aufgenommenen Informationen – aber auch Emotionen oder Schmerzen – werden nach einem bestimmten Reiz-Reaktions-Schema erkannt, verarbeitet und gespeichert. Die frühe und richtige Erkennung der Reize und ihre Zuordnung ist jedoch wesentlich vom Grad der Aufmerksamkeit abhängig. Sie muss zunächst einmal vorhanden sein, um dann aufrechterhalten, geteilt und / oder gewechselt werden zu können.

„Die Aufmerksamkeitsfunktion ist auf die eine oder andere Weise mit fast allen anderen Gehirnfunktionen verquickt. Sie steuert unser Bewusstsein, unser Wacherleben, unsere Aktionen und Reaktionen. Sie ist das Medium, in dem wir mit unserer Umgebung interagieren, ob diese Umgebung nun aus mathematischen Problemen, anderen Menschen oder den Bergen besteht, in denen wir Ski laufen.“
aus : Edward M. Hallowell; John Ratey
„Zwanghaft zerstreut oder die Unfähigkeit aufmerksam zu sein“

Ein Reiz-Reaktions-Schema ist individuell und einzigartig. Es verändert sich im Laufe der Lebensentwicklung eines Menschen und wird – unter Anderem – auf Grund der sozio-kulturellen Normen und Werte einer Gesellschaft gebildet und „anerzogen“. Bei dieser Betrachtung ist es wichtig, Erziehung nicht allein als Aufgabe von Eltern oder Schule anzusehen. Erziehung findet innerhalb eines jeden gesellschaftlichen Gefüges, zu jeder Zeit, bei jeder Gelegenheit, an jedem Ort und durch jede Person oder Personengruppe statt. Jeder Mensch erzieht und wird erzogen…
Für den Ablauf einer “Reiz-Reaktions-Analyse” greift das Gehirn auf bereits gemachte Erfahrungen mit dem Reiz und den darauf erfolgten Reaktionen des Umfeldes zurück. Unbekannte Reize erfordern neue Reaktionen, denen nun neue Erfahrungen folgen. Dieser Prozess ist uns als „Lernen“ bekannt. Lernen kann bewusst oder unbewusst geschehen. Ein Kind, welches einmal auf eine heiße Herdplatte gefasst hat, wird dieses i.d.R. kein zweites Mal tun. Die schmerzhafte Erfahrung wird unbewusst gespeichert und bei Bedarf blitzschnell wieder abgerufen. Bewusst lernen wir z.B. Vokabeln oder mathematische Formeln.

Abbildung 1 :
Reiz-Reaktions-Schema beim gesunden Menschen
(zum vergrößern auf das Bild klicken !)

Das Zentrale Nervensystem (ZNS) und das Gedächtnis unterziehen eintreffende Reize einer ersten, schnellen Analyse. Ist der Reiz bekannt, ist eine Reaktion erforderlich, wenn ja welche ?
Eine mögliche Reaktion und deren Folgen wird in Abhängigkeit der körperlichen und emotionalen Verfassung sowie der aktuellen Situation in einer nächsten Schleife „durchgespielt“. Das Ergebnis wird nun an das ZNS übermittelt und im Gedächtnis gespeichert. Die Reaktion wird ausgeführt und die Antwort darauf wieder in Form neuer Reize empfangen. Der Ablauf beginnt von Neuem.

Die Verarbeitung von Reizen erfolgt im Gehirn mit Hilfe von Neuro-Transmittern. Solche Botenstoffe, regeln und steuern die Weiterleitung ankommender Reize an die jeweils zuständigen Regionen des Gehirns. Als wichtigster Botenstoff für diese Aufgaben gilt das Dopamin, welches in direkter, wechselseitiger Abhängigkeit zum Adrenalin und dessen Gegenpart, dem Nor-Adrenalin steht. Diese Neuro-Transmitter sind für die emotionalen und körperlichen Reaktionen auf Reize verantwortlich. Nor-Adrenalin steuert die Aufmerksamkeit, Dopamin sorgt für Antrieb und Motivation. Einen weiteren wichtigen Botenstoff bildet das Serotonin. Es steuert Impulsivität, kontrolliert Wut bzw. Ärger und sorgt für die Angemessenheit unseres Verhaltens. Eine fehlerhafte oder gestörte Produktion bzw. Weiterleitung von Serotonin kann zu erhöhter Impulsivität, einer niedrigen Frustrationstoleranz und somit zu Schwierigkeiten bei der Verhaltensanpassung führen.

Bei einer ADHS-Erkrankung ist die Produktion oder die Verarbeitung bzw. Weiterleitung der Neuro-Transmitter, besonders des Dopamins – mehr oder weniger stark beeinträchtigt. Hierdurch wird das Reiz-Reaktions-Schema bei ADHS an mindestens einer Stelle, i.d.R. aber an mehreren Stellen gestört.

Abbildung 2 :
Reiz-Reaktions-Schema bei ADHS
(zum vergrößern auf das Bild klicken !)

Die korrekte Aufnahme und Verarbeitung ankommender Reize ist an mindestens einer Stelle im Ablauf des Schemas gestört. Eine Reaktion erfolgt nicht bzw. verspätet, da Reize entweder gar nicht oder nur unvollständig aufgenommen werden. Weitere, zeitgleich eingehende Reize erfordern eine Teilung der Aufmerksamkeit. Das Gehirn ist jedoch noch mit der Verarbeitung des ersten Reizes beschäftigt. Es kommt zum „Stau“ und in desse Folge zur Reizüberflutung.
Dieser verursacht unpassende, nicht angemessene Reaktionen, da nicht genügend Zeit war, die Folgen zu bedenken. Die Umwelt reagiert mit neuen Reizen – z.B. durch Nachfragen oder gar Sanktionen – welche jedoch auch wieder nur verzögert oder gar nicht verarbeitet werden. Ein Teufelskreis beginnt…

Die geschilderten Störungen beeinflussen die Aufmerksamkeit und die daran gestellten Anforderungen (Aufrechterhaltung, Teilen und / oder Wechseln) in mehr oder weniger erheblicher Weise. Die als typisch geltenden und beschriebenen Symptome und Verhaltensweisen bei ADHS sind also eine direkte Folge dieses Aufmerksamkeits-Defizites. Der Mangel an Botenstoffen in den jeweiligen Hirnregionen lässt die Konzentration auf eine Sache oder Tätigkeit sinken. Gleichzeitig wird die Ablenkbarkeit durch weitere Reize erhöht. Das Gehirn kann “unwichtige” Reize und Impulse nur noch schlecht oder gar nicht mehr hemmen und filtern. Die Abarbeitung und Weiterleitung der Reize verzögert sich immer mehr – es kommt zur Reizüberflutung.

Das nachfolgende Video stellt in recht anschaulicher Art und Weise die oben erwähnten Vorgänge der Reizverabeitung im Gehirn eines ADHS-Patienten dar. Die Animation ist zwar in einer für Laien eher unverständlichen Fachsprache gehalten, doch wenn man sich den Film mehrmals anschaut, kann man die Wirkweisen der Neurotransmitter und deren Bezug auf das Störungsbild der ADHS gut erkennen und verstehen.

httpssss://youtu.be/c7Ya1SI0RrQ

Aufgrund der Komplexität der neurochemischen Abläufe und der Tatsache, dass die Funktionsweisen des Gehirns noch nicht völlig erforscht sind, können die hier vorgestellten Schemata nur als grob vereinfachte Modelle betrachtet werden.


Wenn die Ursachen der ADHS jedoch im Wesentlichen auf der Störung des Neurotransmitter-Stoffwechsels im Gehirn beruht, stellt sich natürlich die Frage, warum die ADHS sich in so gegensätzlichen Symptomatiken zeigt ? Im Folgenden werde ich versuchen, hierauf entsprechende Antworten zu geben :

Bei der so genannten Hypoaktivität / Unaufmerksamkeit schaltet das Gehirn des ADHSlers auf eine Art „Notbetrieb“ um. Die ankommenden Reize werden z.T. nicht weitergeleitet, es erfolgt nur noch eine absolut notwendige und meist unbewusste Reaktion. Hypoaktive Betroffene gelten daher oft als verträumt, unaufmerksam und geistig abwesend. Sie ziehen es vor, alleine zu sein um so der Reizüberflutung zu entgehen. Sie „igeln“ sich regelrecht ein und verfügen im Allgemeinen über nur wenige oder überhaupt keine sozialen Kontakte außerhalb ihrer Familie. Dieses ist jedoch kein bewusstes, gesteuertes Verhalten.

„Diese Menschen können sich aus sozialen Situationen zurückziehen oder unwohl darin fühlen, werden oft depressiv durch Stress oder Ohnmachtsgefühle, sind oft desorganisiert und unfähig Aufgaben zu Ende zuführen, auch solche, die ihnen Spaß machen oder deren Beendigung in ihrem eigenem Interesse wären. (…) Sie sind häufig ‚aufmerksam‘ gegenüber ihrem eigenen inneren Erleben, den eigenen Gedanken oder Phantasien, oder sie hängen ihren Tagträumen nach und bekommen nur wenig oder gar nichts von dem mit, was um sie herum vorgeht“
aus : Robert J. Resnick
„Die verborgene Störung: ADHS bei Erwachsenen“


Das Gehirn der hyperaktiven / impulsiven ADHS-Form verfolgt eine etwas andere „Strategie“ :
Die nicht mehr zu bewältigende Menge an Reizen wird – vor Allem bei Kindern oder Jugendlichen – durch einen „ausgeprägten, unangemessenen“ Bewegungsdrang kompensiert. Hyperaktive ADHSler sind dauernd in Bewegung, können nicht still sitzen, wirken immer unruhig und nervös. Hierauf begründet sich auch die im Volksmund übliche Bezeichnung der Störung : „Zappelphillipp-Syndrom“
Der Grund für die Hyperaktiviät ist noch nicht zweifelsfrei geklärt. Mittlerweile gilt es aber als sicher, dass bei einer intensiven, sportlichen bzw. körperlich anstrengenden Betätigung vermehrt Neuro-Transmitter ausgeschüttet werden. In Folge der gesteigerten Bewegung wird auch die Durchblutung im Gehirn erhöht und somit die Neuro-Transmitter schneller und in ausreichender Menge an die richtigen Rezeptoren gebracht. Viele hyperaktive ADHSler kommen daher schnell zum Leistungssport. Besonders Lauf- und Kraftsportarten, welche ein intensives, regelmäßiges Training erfordern, scheinen sehr geeignet, die hyperaktiven Symptome abzuschwächen.

„Impulsive Menschen haben Schwierigkeiten, ihre spontanen Reaktionen zu bremsen oder nachzudenken bevor sie handeln. Sie können mit unangemessenen Kommentaren und herausplatzen oder Wutausbrüche haben, unnötige, hochriskante Handlungen ausführen, (…) können ungeduldig, verbal ausfallend und unfähig sein nonverbale Mitteilungen und Verhaltensweisen anderer zu verstehen.“
aus : Robert J. Resnick
„Die verborgene Störung: ADHS bei Erwachsenen“

ADHSler des impulsiven Typs werden oft als launisch und aggressiv angesehen, gelten als Außenseiter bzw. werden durch ihr Umfeld ausgegrenzt und entwickeln dem zur Folge häufig schwerwiegende Defizite in ihrer sozialen Kompetenz. Durch ihr Verhalten „therapieren“ sie sich in gewisser Weise selbst, da ihr Verhalten in erster Linie Adrenalin und Nor-Adrenalin freisetzt, wodurch die Botenstoffe Dopamin und Serotonin ebenfalls vermehrt ausgeschüttet werden. Impulsiver ADHS-Menschen sind also ständig auf der Suche nach dem „Kick“. Dieser kann z.B. entweder durch schnelles und riskantes Autofahren oder durch gezielte Provokation des aktuellen Umfeldes erreicht werden. Auch Extremsportarten (Bungee-Jumping, Fallschirmspringen, etc.) oder Glücksspiele (egal ob im Casino, am PC oder am Automaten in der Kneipe) sind für ADHSler willkommene „Kick-Lieferanten“.

Neben diesen Haupttypen der ADHS gibt es auch diverse Mischformen. Kaum ein Betroffener ist ausschließlich hyperaktiv oder nur hypoaktiv. Die meisten Patienten leiden an einer Mischform, bei welcher aber die eine oder die andere Symptomgruppe in unterschiedlicher Gewichtung überwiegt.  ADHS äußert sich in seinen Symptomen sehr vielfältig und ist gerade deshalb auch so schwierig zu diagnostizieren. Dieser Umstand gilt daher bei Kritikern als wichtigstes Argument für die These ADHS sei eine “Modeerkrankung” bzw. “von der Pharmaindustrie erfunden” und nicht “medizinisch begründbar”.

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