Symptome

Ein Angestellter sitzt im Grossraumbüro vor seinem PC und benötigt für seine Arbeit wohl offenbar dringend eine wichtige Datei aus seinem PC.
Der Computer ist jedoch abgestürzt, die Datei wurde zerstört und vermutlich gibt es auch keine Sicherungskopie. Plötzlich hämmert der völlig verzweifelt wirkende Mann wütend auf den Computer ein. Die Kollegen sehen sich verängstigt um oder suchen das Weite…

Nur eine cholerische Überreaktion ?
Die Entladung von Stress ?
Oder doch ADHS ?


Eine Jugendliche wirkt oft verschlossen und sehr still.
Sie scheint häufig abwesend und verträumt. Sie hat kaum Freundinnen oder Freunde und geht auch kaum aus. Sie verkriecht sich in ihrem Zimmer und will einfach nur ihre Ruhe haben, oft scheint sie gelangweilt zu sein oder zeigt sogar gewisse melancholische Züge.
Spricht man sie darauf an reagiert sie abwehrend und beleidigt oder „zickig“…

Nur eine typische, pubertierende Teenagerin ? Oder doch hypoaktiv ?


Ein Angestellter verzettelt sich total in seinem Job.
Die Stapel unerledigter Dinge und Aufgaben türmen sich vor ihm auf. Bald weiß er nicht mehr, was er zuerst tun soll. Es entsteht ein heilloses Chaos und der Mann verzweifelt fast daran. Er bekommt sich und seine Arbeit aber einfach nicht organisiert, er verliert den Überblick, vergisst dringende Termine, verlegt wichtige Unterlagen.
Selbst Erinnerungsnotizen oder Terminkalender scheinen unauffindbar zu sein…

Einfach nur überarbeitet, gestresst und urlaubsreif ? Oder doch ADHS ?


Ein Kind schafft es nicht, ruhig und konzentriert seine Schulaufgaben zu machen.
Es lässt sich oft und gerne ablenken, fängt zwischendurch immer wieder andere Dinge an, zappelt auf seinem Stuhl herum und benötigt so auch für einfachere Aufgaben mehrere Stunden. Mehrmals muss man das Kind ermahnen, zuerst seine Aufgaben zu erledigen und erst anschließend zu spielen.
Das Kind reagiert darauf mit Wut und es ist „bockig“, Hefte und Bücher werden in die Ecke geworfen und es fließen Tränen…

Nur ein trotziges Kind ? Faul, dumm und „lernschwach“ ?
Oder doch ADHS ?


Diese – zugegeben, recht stark vereinfachten – Beispiele sollen deutlich machen, wie schwierig es sein kann, die Symptome der ADHS zu erkennen und entsprechend zu bewerten. Es nicht immer eindeutig zu benennen, wo das „Gesunde“ aufhört und das „Kranke, Unnormale“ beginnt:
Nicht jede „Marotte“ muss eine „Verhaltensstörung“ darstellen und nicht jedes „auffällige“ Verhalten muss krankhaft sein. Ein lebhaftes und aufgewecktes Kind muss nicht zwangsläufig hyperaktiv sein und eine Lern-Leistungs-Störung muss nicht unbedingt auf ADHS hindeuten.

„Viele der Symptome von ADD sind uns allen so geläufig, das wir das Syndrom sorgfältig analysieren müssen, wenn der Ausdruck ADD eine spezifische Bedeutung haben und nicht nur eine wissenschaftlich klingende Bezeichnung für die Komplexität unseres modernen Lebens sein soll. Und man kann am besten verstehen, was ADD ist – und was sie nicht ist -, wenn man sieht, wie das Leben der Menschen beeinträchtigt wird, die ADD haben.“
aus : Edward M. Hallowell; John Ratey
„Zwanghaft zerstreut oder die Unfähigkeit aufmerksam zu sein“

Im Diagnosekatalog ICD 10 der WHO gibt es eine Reihe von „Verhaltens- und emotional gestörter“ Symptomatiken die dort als „Hyperkinetisches Syndrom“ umschrieben werden. (ICD 10 / F 90-98) Die Beschreibung der einzelnen Symptome sind allgemein gehalten, auf wenige Stichpunkte begrenzt und hinsichtlich einer genaueren, differenzierten Diagnose eher unspezifisch zu nennen. Bezeichnungen wie ADS bzw. ADHS tauchen im ICD 10 nicht auf. Hinweise auf eine hypoaktive Variante der Störung fehlen völlig :

„Die Kardinalsymptome sind beeinträchtigte Aufmerksamkeit, Überaktivität und Impulsivität. Die Diagnose einer hyperkinetischen Störung fordert das eindeutige Vorliegen eines abnormen (d.h. eines mit dem Entwicklungsstand des Kindes nicht zu vereinbarenden und unangemessenen) Ausmaße von Unaufmerksamkeit, Überaktivität und Unruhe. Die Störung ist situationsübergreifend und andauernd und nicht durch andere Störungen wie Autismus oder eine affektive Störung verursacht. Die Symptome müssen mindestens sechs Monate lang bestehen. Die Störung beginnt vor dem siebten Lebensjahr. Die Symptome verursachen deutliches Leiden oder Beeinträchtigung der sozialen, schulischen oder beruflichen Funktionsfähigkeit“
aus: Weltgesundheitsorganisation WHO / Horst Dilling et al. (Hrsg.)
„Taschenführer zur ICD-10-Klassifikation psychischer Störungen“

Im DSM-IV werden die Symptome der ADHS in zwei Gruppen aufgeteilt, einzeln benannt und genauer beschrieben. Demnach müssen mindestens sechs der Symptome entweder einzeln oder zusammen aus beiden Symptomgruppen und über einen Zeitraum von mindestens einem halben Jahr auftreten, um ADHS als diagnostiziert ansehen zu können :

A) Mindestens sechs der folgenden Symptome von Unaufmerksamkeit / Hypoaktivität haben seit wenigstens sechs Monaten in einem unpassenden und nicht dem Entwicklungsstand des Patienten entsprechenden Ausmaß bestanden :

  1. Beachtet oft Einzelheiten nicht genau oder macht Flüchtigkeitsfehler bei schulischen Aufgaben, bei der Arbeit oder bei anderen Tätigkeiten,
  2. Hat oft Mühe, längerfristig aufmerksam zu sein bei Arbeit oder Spiel
  3. Scheint oft nicht zuzuhören, wenn direkt angesprochen, wirkt geistig abwesend, („Tagträumer“, „Träumsuse“)
  4. Führt oft Anweisungen nicht vollständig aus oder beendet Arbeiten in der Schule, Zuhause oder am Arbeitsplatz nicht
    (nicht verursacht durch oppositionelles Verhalten oder weil die Anweisungen nicht verstanden wurden)
  5. Hat Mühe, Aufgaben und Tätigkeiten planvoll und strukturiert abzuwickeln, verliert sich in unwesentlichen Details,
  6. Beginnt mehrere Tätigkeiten gleichzeitig ohne eine Sache erst zu beenden
  7. Vermeidet, verweigert oder übernimmt nur ungern Aufgaben, die längere Konzentration erfordern, wirkt bei Routinetätigkeiten gelangweilt und unmotiviert; sucht oft neue „Herausforderungen“ und „anspruchsvollere“ Tätigkeiten, fühlt sich oft „überlegen“
    (meist nur bei überdurchschnittlicher Intelligenz oder „Hochbegabung“)
  8. „Verliert“ oder „verlegt“ oft Dinge, die für Aufgaben und Tätigkeiten notwendig sind
    (z.B. Hausaufgabenheft, Schreibstifte, Bücher oder Werkzeug, „Turnbeutelvergesser“)
  9. Wird oft leicht abgelenkt durch unwesentliche Reize
  10. Ist oft vergesslich bei Alltagstätigkeiten

B) Mindestens sechs der folgenden Symptome von Hyperaktivität / Impulsivität haben seit wenigstens sechs Monaten in einem unpassenden
und nicht dem Entwicklungsstand des Patienten entsprechenden Ausmaß bestanden :

  1. zappelt oft mit Händen oder Füssen oder windet sich auf dem Stuhl
  2. verlässt oft den Sitzplatz in Situationen, bei denen Sitzenbleiben erwartet wird
  3. rennt oft herum, „kippelt“ mit dem Stuhl oder klettert überall hoch in unpassenden Situationen
    („Zappelphilipp“ – bei Jugendlichen / Erwachsenen eher als Gefühl von Rast- / Ruhelosigkeit)
  4. hat oft Mühe, bei der Erledigung von Aufgaben keine Geräusche zu machen,
    führt Selbstgespräche in denen er sich z.B. selbst laute “Anweisungen” gibt, wie die Aufgabe zu lösen ist
  5. ist oft umtriebig oder benimmt sich oft wie von einem Motor angetrieben
  6. redet oft übermäßig viel – „schwafelt“ -, neigt zu schnellem, holprigem Sprechen, verschluckt Silben und Wörter,
    häufige Themenwechsel innerhalb eines Gespräches, im Extremen sogar innerhalb eines Satzes
  7. platzt oft mit der Antwort heraus, bevor Fragen komplett gestellt sind
  8. hat oft Mühe zu warten, bis er an der Reihe ist, mangeldes Zeitgefühl, ist extrem ungeduldig,
  9. unterbricht oder stört andere,  mischt sich z.B. ungefragt in Unterhaltungen oder Spiele ein
  10. ist oft gereizt und jähzornig, neigt zu plötzlichen und heftigen Wutanfällen und / oder aggressivem Verhalten, meist jedoch ohne ersichtlichem Grund

C) Die Symptome der Hyperaktivität/ Impulsivität und / oder der Unaufmerksamkeit mit beeinträchtigender Wirkung waren vor dem Alter von 6 Jahren schon vorhanden.
D) Die Beeinträchtigungen treten in mindestens zwei räumlich und / oder situativ getrennten Bezugssystemen auf z.B. Schule / Arbeitsplatz und Zuhause.
E) Es muss eine deutliche Beeinträchtigung im sozialen, schulischen- oder beruflichen Bereich vorliegen.
F) Die Symptome treten nicht ausschließlich im Rahmen einer umfassenden Entwicklungsstörung, Schizophrenie, und / oder anderen Psychosen auf und sind auch nicht durch andere psychische Störungen besser erklärbar. (z.B. emotionale Persönlichkeitsstörung, Angststörung, Dissoziationsstörung, abnorme Persönlichkeit)

Anmerkungen:

Die vorgenannten Punkte beziehen sich in der Hauptsache auf Kinder und Jugendliche.
Eine ADHS-Diagnose bei Erwachsenen lässt sich aber – bei entsprechender Anpassung der Kriterien – anhand des DSM-IV ohne Weiteres qualifiziert durchführen.
Viele der genannten Symptomatiken können bei fast jedem Menschen mehr oder weniger ausgeprägt auftreten. Daher ist die Bedeutung des „unpassenden und nicht dem Entwicklungsstand des Patienten entsprechenden Ausmaßes“ der Symptome bei der ADHS-Diagnose durch einen Arzt von entscheidender Wichtigkeit.

Für eine als „gesichert“ geltende Diagnose ist die Erfüllung der Punkte C bis F zwingend erforderlich !
Besonders der Punkt F verdient eine hohe Beachtung, da eine Behandlung auf ADHS – ob rein psychologisch bzw. psychotherapeutisch und / oder medikamentös – beim Vorliegen der dort genannten Erkrankungen bzw. Störungen ernste Folgen für den Patienten haben könnte.

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