Schlimm ?!

Seit April 2004 existiert nun diese Webseite schon und immer wieder erhalte ich Mails und Anrufe, in denen die Frage gestellt wird, was ich mir wohl bei dem Titel der Homepage gedacht habe.
Manche dieser Fragesteller meinen gar, ich hätte mir gar nichts dabei gedacht, oder zumindest nicht nachgedacht. Für sie gilt der Titel meiner Seite beinahe schon als Hohn oder Verspottung, denn sie leiden sehr unter der ADHS – sei es ihrer eigenen oder der ihrer Angehörigen oder Kinder.
Alles doch halb so schlimm…“ – das klingt so vertröstend und verharmlosend wie „Alles wird gut“ oder „Das wird schon wieder…“
So aber ist der Titel dieser Homepage nicht gemeint. Es lag und liegt nicht in meiner Absicht, durch die Umdeutung des Kürzels „ADHS“ diese Krankheit bzw. Störung zu verharmlosen oder die von ADHS betroffenen Menschen zu (ver-)trösten oder nicht ernst zu nehmen.

ADHS kann schlimm werden und kann schlimm sein. ADHS ist eine Krankheit bzw. eine Störung, die Leiden und Leid erzeugt. Bei allen direkt oder indirekt davon betroffenen Menschen. Nichts mehr – aber auch nichts weniger !

Viele ADHSler müssen Tag für Tag ihre ADHS von Neuem erklären oder sich sogar dafür „rechtfertigen“.

Immer wieder stoßen sie dabei auf Unwissen, Unverständnis oder Ignoranz. Immer wieder hören sie Sätze wie „…das ist doch alles halb so schlimm…“ oder „…mir geht es manchmal doch genau so…“ Das eigentliche Problem solcher Sätze ist, das Außenstehende, „gesunde“ oder „normale“ Mitmenschen, welche noch nie etwas über ADHS gehört oder gelesen haben, die Welt eines unter ADHS leidenden Menschen – seine Probleme und Schwierigkeiten in dieser Welt zurecht zu kommen – überhaupt nicht verstehen oder gar nachvollziehen können.

Ein ADHSler hat eben nicht nur manchmal Schwierigkeiten damit sich zu konzentrieren oder sich bzw. etwas „geregelt“ zu bekommen. Er muss sich ständig, fortwährend und immer wieder aufs Neue diesen Herausforderungen stellen. Und er leidet darunter…

Wohlgemerkt, er leidet darunter, nicht etwa nur daran. Das ist ein nur kleiner, aber – nicht nur semantisch – sehr wesentlicher Unterschied :
Jemand der an einer Krankheit leidet, wird im Allgemeinen für sich alleine leiden. Leidet jemand aber unter einer Krankheit, so ist damit ein umfassendes, quasi ganzheitliches Leiden gemeint. Man leidet eben nicht nur an den körperlichen und seelischen Beschwerden, oder an äußerlichen, für jeden sichtbaren Merkmalen seiner Krankheit. Man leidet auch und vielleicht sogar noch vielmehr darunter, wie die z.B. emotionalen Folgen der Krankheit und deren Auswirkungen, das soziale Umfeld im wahrsten Wortsinne in Mitleidenschaft ziehen. Das mag pathetisch klingen – aber wer einmal die Reaktionen von Passanten auf schwer körperlich oder geistig behinderte Menschen, auf hilflose, altersverwirrte Personen beobachtet hat, der kann vielleicht nachvollziehen, was ich zum Ausdruck bringen möchte…

Unter ADHS zu leiden kann bedeuten, unter den Fehlurteilen und den Fehlerwartungen von Eltern, Lehrern, Freunden, Partnern, Arbeitskollegen usw. zu leiden. Man leidet nahezu ständig unter dem (Ein-)Druck dieser Erwartungen und Urteile. ADHS kann aber oft auch bedeuten, unter Selbstvorwürfen, unter Selbstzweifeln und unter einem Gefühl zu leiden, das man eigentlich nichts „richtig“ bzw. es niemanden „recht“ machen kann und das kaum etwas gelingen will. Ständig ist man als ADHSler darum bemüht nicht aufzufallen und zu „funktionieren“…

Es ist wie eine Falle, in die man immer wieder tappt und aus der man sich nicht so einfach wieder befreien kann. Und dann kommen diese – vermeintlich – wohlmeinenden, mitleidsvollen Sätze (siehe oben) von eben genau jenen Menschen, welche für den ADHSler häufig doch die eigentliche Ursache ihrer Frustrationen darstellen…

„Alles doch halb so schlimm“ ist für mich als ADHSler aber zu einer Art Motto geworden. Dieses Motto soll dazu beitragen, „meine“ ADHS nicht schlimmer zu machen oder ernster zu nehmen, als sie wirklich ist. Es soll mich daran erinnern, das ADHS nicht einzig und alleine die Ursache all meiner Probleme sein kann und nicht sein darf.
„Meine“ ADHS hat bis zu meiner Diagnose einen großen Teil meines bisherigen Lebens beeinträchtigt und geprägt – ohne das ich es wusste – und wird es sicher auch noch weiterhin tun… Aber : Die ADHS ist nicht und war niemals der Mittelpunkt meines Lebens! Ob ich in meinem weiteren Leben nun an oder unter der ADHS leide, ist einzig und allein meine Entscheidung.

Ich habe es in der Hand, ob und in wie weit ich mein Umfeld in mein „Leiden“ mit einbeziehe. Dazu gehört natürlich auch die Fähigkeit zu erkennen, ob mein Umfeld nun mit meiner ADHS leidet oder unter meiner ADHS leidet. Und damit trage ich ganz entscheidend dazu bei, wie „schlimm“ meine ADHS ist oder sein kann. Für mich und meine Umwelt. Es ist nicht immer leicht, diese Entscheidung zu treffen oder zu dieser Erkenntnis zu gelangen, oft ist es sehr schwer und in gewisser Weise sogar schmerzhaft. Mich dann jedoch diesen Herausforderungen zu stellen – in jeder neuen Situation, an jedem neuen Tag – kann schlimm werden. Kann mich frustrieren, kann mich depressiv machen…

Hier hilft mir dann oft aber eine „Dennoch-Energie“, hilft mir meine Umdeutung des Kürzels „ADHS = Alles doch halb so schlimm“.

 „Alles-doch-halb-so-schlimm“ bedeutet für mich auch, trotz oder gerade wegen der ADHS Freude am Leben zu haben…

 „Alles-doch-halb-so-schlimm“ bedeutet für mich auch, „meiner“ ADHS täglich ins Gesicht zu lachen und sagen zu können : „ADHS ?! Alles doch halb so schlimm…“

 Mit dieser Internetseite und dem Engagement für und in „meiner“ Selbsthilfegruppe möchte ich anderen ADHS-Betroffenen und ihren Angehörigen Mut machen, sich ebenfalls dieser Herausforderung zu stellen und ihr Leben mit der ADHS als etwas anzunehmen, dem man auch sehr viele positive Aspekte abgewinnen kann. Um zu dieser Erkenntnis zu gelangen, reicht es manchmal schon aus, ein wenig über sich und seine Einstellung zur ADHS nachzudenken. Vielleicht endeckt man dann auch irgendwann den tieferen Sinn meines Mottos :

„ADHS ? Alles doch halb so schlimm…“

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