Psychotherapie

Die Psychotherapie ist ein wesentlicher Teil des „multimodalen“ Behandlungkonzeptes bei ADHS.

Eine vielleicht erforderliche, medikamentöse Behandlung, die sogenannte „Psychoedukation“ und die aktive Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe bilden die beiden weitere Schwerpunkte dieser Konzeptes, welches nach Meinung der meisten Fachleute als sehr erfolgreich gilt. Leider gestaltet sich die Suche nach einer für ADHS geeigneten Form der Psychotherapie und den geeigneten Therpapeuten als nicht ganz so einfach.

Die meisten Menschen verfügen nur über recht schwammige Vorstellungen dessen, was eine Psychotherapie auf welche Weise wie zu leisten vermag und haben oftmals übertrieben hohe Erwartungen daran. Sie sind auf der Suche nach der berüchtigten „eierlegenden Wollmichsau“ – jenem Fabelwesen, welches doch so vielseitigen Nutzen bringt und dabei doch so wenig Aufwand bedeutet. Diese Suche nach dem „perfekten“ Therapieplatz, der alle Symptome und Probleme des Patienten nur durch ein paar Sitzungen „wegtherapiert“, ist daher so sinnlos wie die Suche nach eben diesem Fabelwesen…
Zunächst einmal sollte man sich als Patient darüber im Klaren sein, was man eigentlich von einer – wie auch immer ausgerichteten – Psychotherapie erwartet. Welches das ganz persönliche Ziel seiner Therapie sein sollte. Eine Liste, mit Dingen und Eigenschaften, die man gut an sich findet und was eher schlecht ist, was man unbedingt ändern will, und was man „behalten“ möchte, kann dabei sehr hilfreich sein. Denn sie ist quasi schon der Beginn der eigenen Therapie, da man sich mit seinen eigenen Zielen, Erwartungen, Wünschen, sowie mit seinen Stärken und Schwächen auseinander setzen und beschäfigen muss. Anschließend sucht man z.B. über das Telefonbuch oder das Internet entsprechende Therapeuten in seiner Nähe aus und telefoniert einen nach dem anderen ab. Die meisten Ärzte, die eine Psychotherapie empfehlen, haben auch entsprechende Listen mit Therapeuten zur Hand, wobei sie keinen einzeln empfehlen dürfen. Beim „abtelefonieren“ sollte man kurz und knapp schildern, warum man eine Psychotherapie für sich machen möchte und welche Ziele damit erreicht werden sollen.

Ein für ADHS-Patienten wichtiges Kriterium bei der Auswahl des Therapaten ist die „Methodik“ nach der ein Psychotherapeut arbeitet.
Es gibt viele verschiedene Arten und Formen der Psychotherapie. Angefangen bei der klassischen Gesprächstherapie, über die Verhaltenstherapie, breitet sich das Spektrum über die klassiche Psychoanalyse, der Schematherapie bis zu „speziellen“ Angeboten wie EMDR oder DBT aus. Aktuell wird von den meisten Experten für ADHSler eine kognitive Verhaltenstherapie empfohlen, welche sich einiger Elemente des DBT und / oder der Schematherapie bedient.

Die meisten Therapeuten werden i.d.R. erst einmal bis zu fünf „Probesitzungen“ oder „Erstgespräche“ führen. Das ist wichtig, denn Therapeut und Patient müssen sich erst einmal kennen lernen und herausfinden, ob man sich sympathisch ist und überhaupt miteinander „arbeiten“ kann. Gerade auf der Patientenseite ist die Bildung eines vertrauensvollen – von Sympathie und Offenheit geprägten – Verhältnisses zum Therapeuten von maßgebender Bedeutung für den Erfolg einer solchen Maßnahme. Wenn man dann der Meinung ist, den für sich geeigneten Therapeuten gefunden zu haben, geht der Rest eigentlich fast von alleine. Der Therapeut oder die Therapeutin wird versuchen, zusammen mit dem Patienten und eventuell auch mit dem behandelnden Arzt einen Therapieplan zu erstellen, der helfen soll, die jeweiligen Ziele und Erwartungen an die Therapie zu erfüllen.

Dabei gibt es für den Patienten einige sehr wichtige Grundregeln zu beachten : Offen und ehrlich über alles reden, was einen belastet oder auch freut. Alle Fragen des Therapeuten sollten wahrheitsgemäß und offen beantwortet werden – und sei es noch so persönlich oder intim! Jeder seriöse Psychotherapeut bzw. Psychologe weiß, wie weit er dabei gehen kann und darf!

Die wichtigsten Regeln jedoch lauten :

1. Geduld haben !

2. Geduld zeigen !

3. Geduld bewahren !

Doch gerade die Geduld ist es, die uns ADHSlern sehr viel abverlangt und uns über alle Maßen fordert.
(„Herr, gib mir Geduld – Aber bitte sofort !“)
Wir wollen Ergebnisse und Erfolge und das nun einmal Besten sofort. Der Erfolg einer Therapie stellt sich jedoch nicht innerhalb der ersten paar Stunden bzw. Sitzungen ein, sondern nur nach und nach. In vielen Fällen auch erst eine gewisse Zeit nach dem Abschluß der Therapie. Man kann und darf von einer Therapie keine Wunder erwarten!

Vor allem müssen aber auch die Angehörigen lernen sich in Geduld zu üben und die Fortschritte des Patienten zu beachten. Im Laufe der Zeit werden sich beim Patieten Veränderungen einstellen, welche mitunter für sein Umfeld befremdlich wirken. Möglicherweise wird der Patient im Fortgang der Therapie für sich Entscheidungen treffen, die nicht in jedem Falle auf das Verständnis der Angehörigen treffen. Um so wichtiger ist es dann, dass diese Entscheidungen zumindest von ihnen  akzeptiert werden!

Eine Psychotherapie wird ADHS niemals „heilen“ können. Sie wird auch nicht helfen, einen guten Job oder einen Ausbildungsplatz zu bekommen ! Sie kann auch nicht dafür sorgen, das man schneller reagiert oder besser und effektiver lernen kann. Sie vermittelt keine erhöhte Aufmerksamkeit oder eine bessere Konzentration. Eine Therapie kann nur helfen, mit sich und seinen Problemen, seinem Alltag, seiner (Um-)Welt, usw. besser zurecht zu kommen und ggf. seine Verhaltensweisen in bestimmten Situationen besser „kontrollieren“ zu können. Auch kann eine Therapie helfen, bestimmte Dinge und Ereignisse gefühlsmäßig zu verarbeiten und einzuordnen. Sie kann helfen, ein (höheres) Selbstbewußtsein bzw. einen positiveren Selbstwert zu erlangen und eine andere, objektivere Wahrnehmung von sich selber zu bekommen. Sie hilft auch dabei, sich nicht zuviel durch Andere beeinflussen zu lassen. Eine psychologische Verhaltenstherapie nimmt das Vorgenannte auf und vermittelt anhand praktischer Übungen und Trainings mehr Sicherheit in für den Patienten problematischen Alltagssitutionen.

In wie weit eine Psychotherapie helfen kann, liegt immer auch an der Ausprägung der jeweiligen Symptome und der Bereitschaft des Patienten sich dem Therapeuten „anzuvertrauen“ und mit ihm zu arbeiten. Unabdingbar ist daher auch der feste, eigene Wille und die Entschlossenheit des Patienten zur Mitarbeit. Eine Psychotherapie kann emotional sehr schmerzhaft und belastend sein.

Besonders zu Beginn, hat man oft das Gefühl durch den Therapeuten “ausgequetscht” zu werden. Die vielen und z.T. recht intim anmutenden Fragen, helfen jedoch dem Therapeuten, den Patienten und seine Probleme zu verstehen. Der Patient kommt aus den Therapiestunden oft mit einem Gefühl der Hilflosigkeit und fühlt sich teilweise schlechter als als zuvor. Aber gerade dann ist es um so wichtiger, dass man nicht aufgibt, weil es „ja doch nichts bringt“.

Ob sich nun ein Therapeut mit ADHS auskennen muss oder nicht – ist eher Ansichtssache. Einerseits kann es ihm helfen, den Patienten und seine Probleme besser zu verstehen. Er kann dann unter Umständen diese besser nachzuvollziehen, um sie dann eben auch besser therapieren zu können. Andererseits könnte der Therapeut auf Grund seiner Erfahrungen mit ADHS “betriebsblind” sein. Gewisse Symptomatiken oder Verhaltensweisen des Patienten, welche eigentlich als „normal“ gelten, würden dann ggf. nur durch die „ADHS-Brille“ gesehen.
Natürlich sollte ein Psychotherapeut ADHS kennen und auch wissen, mit welchen spezifischen Problemen ein ADHSler zu kämpfen hat. Aber er muss – meiner Meinung nach – nicht unbedingt ein Spezialist oder Experte auf dem Gebiet sein. Eine Psychotherapie sollte grundsätzlich immer in Absprache mit dem behandelnden Arzt erfolgen. Besonders dann, wenn Medikamente verordnet wurden, die sich auf die Psyche oder das Verhalten auswirken. Das ist wichtig, um zu erkennen, was denn eine eventuelle Besserung der Symptomatiken hervorgerufen hat : Die Therapie, die Medikamente oder vielleicht auch beides ?

Es kann vorkommen, dass ein Therapeut nach einigen Stunden die Therapie „aussetzt“ oder abbricht, weil der Patient nicht „therapiefähig“ ist.
Das heißt, dass der Therapeut nicht helfen oder therapieren kann, da er gar nicht zum Patienten durchdringt, da dieser z.B. sehr verschlossen ist. Oder der Patient ist einfach zu aufgeregt, zu ängstlich, zu sehr ablenkbar. Manchmal kann der Patient nicht aktiv an seiner Therapie mitarbeiten, da er emotional dazu noch gar nicht in der Lage ist. In diesen Fällen muss erst einmal gewartet werden, ob ggf. Medikamente oder andere Maßnahmen (Ergotherapie, Kur- oder Klinikaufenthalt, usw.) eine Therapiefähigkeit bewirken können. Nach einigen Wochen – manchmal sogar erst nach Monaten – kann dann ein neuer Versuch unternommen werden.

Auch in solchen Fällen heißt es wieder : Geduld haben und nicht verzweifeln.
Die ADHS hat möglicherweise sehr viele Jahre gebraucht, um jemanden so zu prägen und so zu machen, wie es ihm jetzt akut geht. Da kann man nicht erwarten, das alles was sich in dieser langen Zeit an Verhaltensweisen, Ängsten, Problemen, Schwierigkeiten, etc. langsam „eingeschlichen“ hat – innerhalb weniger Wochen plötzlich weg und verschwunden ist. Denn auch wenn das für den Patienten und seine Umwelt vielleicht wünschenswert wäre, so wäre es doch auch ein Schock, der auch erst einmal verarbeitet werden muss…

Ein Mensch, der z.B. längere Zeit im Gefängnis saß, muss sich auch wieder daran gewöhnen in Freiheit zu leben und sich auf diese Veränderung neu einstellen. Er muss lernen und begreifen, was in der Zwischenzeit alles mit ihm und seiner Umwelt geschehen ist. Es ist nicht leicht, nun durch Türen gehen zu können, die einem bisher verschlossen waren. Auch wenn es hinter diesen Türen noch so sehr nach Freiheit oder unbeschwertem und idyllischem Leben aussieht. Oft fehlt einfach der Mut, durch diese Türen zu gehen. Diesen Mut zu finden, dieses zu begreifen und zu verarbeiten, sich und seine Umwelt neu zu entdecken, sein Leben plötzlich neu gestalten zu können.

Das geht nur in sehr kleinen Schritten. So etwas braucht eben Zeit und Geduld, sehr viel Geduld…

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