Medikamente

Bei der medikamentösen Behandlung der ADHS hat sich während der letzten 60 Jahren ein Wirkstoff immer mehr durchgesetzt:
Methylphenidathydrochlorid, kurz Methylphenidat oder noch kürzer MPH. Setzt man Bradley´s eher zufällig entdeckte, paradoxe Wirkung des Benzedrins bei hyperaktiven Kindern als Beginn der Stimulantien-Therapie, kann man sogar auf eine ca. 80 Jahre lange Erfahrung zurückblicken.

MPH ist der wirksame Bestandteil von „ADHS“-Medikamenten wie z.B. Ritalin®, Concerta®, Equasym® oder Medikinet® – um nur die bekanntesten zu nennen – und gilt auf Grund seiner chemischen Zusammensetzung und der pharmakologischen Wirkweise als “psychogenes, zentralnervöses Stimulans”. Medikamente mit diesem Wirkstoff und dieser Wirkweise fallen daher in Deutschland unter das Betäubungsmittelgesetz.

MPH ist seit einigen Jahren in der öffentlichen Diskussion über ADHS recht heftiger Kritik ausgesetzt. Mehr noch: Keine andere Gruppe von Medikamenten wird in der Öffentlichkeit so kontrovers diskutiert wie Psychopharmaka. Die Gründe sind vielfältig : Eltern möchten ihre Kinder nicht mit „Psychopillen“ ruhigstellen, einige – meist selbsternannte – Experten meinen, da es ADHS als Krankheit nicht gäbe, benötige man auch keine Arznei dagegen.

Als weitere Gründe werden eine mögliche Suchtgefahr, das Fehlen von Langzeitstudien über ggf. mögliche Nebenwirkungen, sowie die als vorschnell bezeichnete Verschreibungspraxis der Präparate angeführt. Über alle ärztlich verordneten, BTM-pflichtigen Medikamente wacht das Bundesamt für Arzneimittel (BfARM). Dieses hat in der Tat einen drastischen Anstieg der Verschreibungen von MPH-haltigen Medikamenten während der letzten Jahre festgestellt. Viele ADHS-Kritiker sehen sich anhand dieser Zahlen in ihrer Meinung bestätigt, ADHS sei eine “Modeerkrankung” und MPH würde viel zu leichtfertig verschrieben.

Die Zahlen des Bundesamtes ließen sich aber auch wie folgt interpretieren :
Nach den Angaben der WHO sind zwischen 3 und 6 Prozent der Bevölkerung von ADHS mehr oder weniger betroffen. In Deutschland entsprächen dem ca. 2,4 bis 4,8 Millionen Menschen. Würden alle diese “potentiellen” ADHS-Patienten mit MPH in der empfohlenen Tagesdosis von ca. 40-60 mg MPH behandelt, so läge der theoretische (!) Bedarf entsprechender Medikamente zwischen 96 und 144 kg / Tag.
Der Statistik des Bundesamtes zur Folge wurden im Jahre 2001 etwa 625 kg an MPH-Medikamenten verschrieben. Somit entspräche die verordnete Menge MPH 1,7 kg / Tag. Das wären jedoch nur ca. 1,63 % bis 2,44 % einer wiederum nur theoretisch(!) zu nennenden Bedarfsmenge. Anders ausgedrückt: Etwa 28.300 bis 42.500 Menschen würden in Deutschland mit MPH behandelt. Berücksichtigt man noch die Zahl derer, welche MPH auf Grund einer Narkolepsie-Erkrankung verordnet bekommen, würde – rein rechnerisch betrachtet – von den oben genannten 625 kg nichts mehr übrig bleiben.

Die Zunahme der MPH-Verordnungen ist jedoch unstrittig. Ebenso ist aber auch die stetig steigende Anzahl der ADHS-Diagnosen unstrittig. Das diese Zunahmen aber auch auf eine zunehmende Aufklärung der Öffenlichkeit – maßgeblich auch durch den Bundesverband ADHS Deutschland e.V., sowie durch die rasante Verbreitung des Internets  – beruhen und es sich bei den ADHS-Neudiagnosen zu einem wesentlichen Teil um erwachsene Patienten handelt – wird von den ADHS-Kritikern gerne mal verschwiegen oder schlicht ignoriert. Dabei wird erst seit etwa dem Jahre 2000 – also erst kurz vor dem rasanten Anstieg der MPH-verordnungen – vermehrt auf die „Erwachensen ADHS“ hingewiesen. Doch auch heute noch, gibt es leider immer noch Mediziner, welche die Meinung vertreten, die Störung würde „sich spätestens mit der Pubertät auswachsen“. Möge sich der geneigte Leser bitte selbst eine Meinung hierzu bilden…

Was aber macht nun MPH eigentlich, wie wirkt es ?

MPH stellt aufgrund seiner chemischen Struktur ein sog. Amphetamin-Derivat (= Abkömmling, Ableitung) dar. Amphetamine sind – vereinfacht gesprochen – nichts anderes als Aufputschmittel. Im Allgemeinen wirken Amphetamine sowohl körperlich, als auch geistig anregend und leistungssteigernd. Sie steigern die Herzfrequenz und den Blutdruck, mindern die Müdigkeit und das Hungergefühl. Amphetamine und deren Stoffwechselprodukte beeinflussen direkt die Wirkung der Neurotransmitter, in dem sie deren Produktion bzw. Aufnahme und Verteilung steigern bzw. mindern oder gänzlich verhindern. Sie fallen daher i.d.R. unter die Betäubungsmittel und bedürfen einer besonders sorgfältigen Abwägung bei der pharmazeutischen Anwendung. Man weiß schon recht lange, dass anregende Substanzen, wie Koffein oder Nikotin im Falle von ADHS paradox wirken können. Viele ADHSler sind starke Raucher oder trinken Unmengen an Kaffee, Tee oder Cola. Gerade deshalb gilt besonders der hyperaktive ADS-Typ oft als „selbstverschuldet“.
Die außenstehende Umwelt vermag es eben nur sehr schwer nachzuvollziehen, dass der intensive Konsum dieser “Aufputschmittel” sich beruhigend bzw. ausgleichend auf den ADHSler auswirken kann. MPH wirkt auf die Produktion und Verarbeitung der Neuro-Transmitter ähnlich wie Coffein oder Nikotin. Hieraus erklärt sich der Fakt, dass bei vielen Betroffenen, die mit MPH behandelt werden, der Kaffee- bzw. Zigaretten-Konsum drastisch sinkt. Die paradoxe Wirkweise dieser Stimulantien, nutzt MPH in der gleichen Weise. In Form der regelmäßig einzunehmenden Medikamemte kann die Wirkung der Stimulantien jedoch besser kontrolliert und dosiert werden.

Aufgrund des gestörten Neurotransmitter-Stoffwechsels wird bei ADHS das zur Verarbeitung von Reizen unter Anderem benötigte Dopamin nicht an die entsprechenden Rezeptoren weitergeleitet bzw. nicht aufgenommen. MPH sorgt nun durch seine Zerfallsprodukte im Gehirn des ADHSlers dafür, das die Rezeptoren das Dopamin in einem normalen Maße aufnehmen und verarbeiten können. Eingehende Reize werden wieder korrekt verarbeitet und die als typisch geltenden ADHS-Symptome gelindert bzw. gemindert. Der Patient wirkt insgesamt ruhiger und motivierter, kann konzentrierter arbeiten, die Ablenkbarkeit nimmt ab, die Aufmerksamkeit steigt.

In den meisten Fällen setzt die positive Wirkung der MPH-Medikamente recht schnell ein. Von dem Patienten selbst wird die Wirkung oft jedoch nicht sofort wahrgenommen. In der Regel sind es Angehörige oder Freunde und Arbeitskollegen, die eine Veränderung am Verhalten des ADHSlers am ehesten bemerken. Einige Betroffene erlebten die Wirkung nach der ersten Einnahme des Medikamentes jedoch recht beeindruckend :

„Plötzlich konnte ich klar denken. Das Chaos in meinem Kopf war plötzlich weg, ich konnte endlich mal einen einzigen Gedanken zu Ende bringen…“

„Es war, als wenn mir jemand den Schleier der ständig vor meinen Augen war, weggenommen hätte…“

„Endlich war ich in der Lage, mal so etwas wie Ausdauer und Motivation zu zeigen. Schon nach kurzer Zeit konnte auch ich endlich mal einen Erfolg für mich verbuchen. Das Gefühl, ich sei der ewige Verlierer war einfach nicht mehr da…“

MPH ist aber keine „Psychopille“ im volksmündlichen Sinne. MPH vermag es nicht, „glücklich“ zu machen, auch ist es kein „klassisches“ Beruhigungsmittel. MPH kann niemanden dazu veranlassen etwas zu tun, was er nicht tun möchte. MPH ist keine direkt auf das Bewusstsein wirkende Droge und führt nicht zu Rauschzuständen, wie etwa Cannabis oder Alkohol. Methylphenidat führt zu keiner direkten Persönlichkeits- oder Charakteränderung. Es ermöglicht dem Betroffenen lediglich und bestenfalls ein Verhalten, welches für ihn gelten würde, wenn er kein ADHS hätte.
MPH schafft keine Genies oder Musterschüler. Es bewirkt keine Wunder, auch wenn die Wirkung des MPH vor allem für die Angehörigen eines ADHSlers an ein solches glauben ließen. Nach dem heutigen Stand der Forschung macht MPH bei normalem, bestimmungsgemäßen Gebrauch nicht süchtig bzw. abhängig.

Einen wissenschaftlichen Artikel über die Wirkung von MPH findet man auch unter dem folgenden Link: https://www.wissenschaft.de/sixcms/detail.php?id=265848

MPH hat aber ohne Zweifel auch Nebenwirkungen die man nicht außer Acht lassen darf:
Gerade bei Kindern und Jugendlichen wurde eine appetithemmende Wirkung festgestellt. Vereinzelt wurde ein vermindertes, bzw. verlangsamtes Längenwachstum beobachtet, welches sich aber i.d.R. nach dem Absetzen des Medikamentes spontan wieder normalisiert. Auch das Herz-Kreislauf-System kann u.U. negativ beeinträchtigt werden : Blutdrucksteigerungen, Pulsrasen, Herzklopfen. Patienten, die mit MPH behandelt werden, bedürfen daher einer genauen und regelmäßigen Beobachtung durch den behandelnden Arzt. Dieses gilt aber grundsätzlich für jedes dauerhaft eingenommene Medikament !

Einige Wissenschaftler vertreten die Ansicht, eine mehrjährige Behandlung von Kindern mit MPH könne unter Umständen zu einer späteren Erkrankung an der Parkinson-Erkrankung führen. Man versuchte dieses gegen Ende 1990er Jahre an Hand einer Studie mit fünf Ratten zu belegen. Dabei wurden die Tiere mit MPH in einer Dosierung behandelt, welche – würde sie so auf den Menschen übertragen – einer Tagesdosis von 500 bis 1000 mg entsprechen. (Zur Erinnerung : Die empfohlene Tagesdosis liegt bei 40-60mg !) Bei der späteren Untersuchung der Gehirne der so über einen längeren Zeitraum behandelten Ratten, fanden sich Gewebsveränderungen und sog. „Plaques“ – ähnlich denen, die auch in Gehirnen von Parkinson- oder Alzheimer- Patienten gefunden wurden. Auch zeigten die Ratten, gewisse – für die Parkinson´sche Krankheit typische – Symptomatiken. Obwohl diese Ergebnisse – auch in Wiederholungen der Studie – keine statistisch signifikanten und somit verwertbaren Ergebnisse liefern (die Gruppe der Versuchstiere war immer zu klein, auch gab es keine entsprechenden Kontrollgruppen) heizen sie bis heute die Diskussion um die Frage der Verantwortlichkeit einer MPH-Therapie bei ADHS-Kindern  immer wieder neu an.
Bisher jedoch ist nicht ein einziger Fall von Parkinson dokumentiert worden, der sich auf die Einahme von MPH-Präparaten im Kindes- bzw. Jugendalter des Patienten zurückführen ließe. Und dabei ist MPH z.B. in Form des Präparates Ritalin® bereits seit über 60 Jahren auf dem Markt. Einige ehemalige Mitarbeiter an dieser Studie distanzieren sich mittlerweile von den Ergebnissen. ADHS-Kritiker führen die Studie jedoch in Büchern und bei öffentlichen Veranstaltungen zum Thema ADHS noch immer mit unveränderter Vehemenz als Hauptkritikpunkt der Stimulantientherapie ins Feld.

Die Gabe von MPH sollte vor allem bei Kindern unter 6 Jahren immer das letzte Mittel der Wahl sein.
Einzig, wenn alle zur Verfügung stehenden, alternativen Behandlungen fehlschlagen, der „Leidensdruck“ des Patienten (und nur dessen !) es erforderlich macht, alle Risiken bedacht und abgewägt wurden, darf eine Stimulantien-Therapie begonnen werden.

„Die Entscheidung über die Einnahme eines Medikaments sollte nicht einseitig getroffen werden, und sie sollte nicht erstritten werden; sie sollte dem beiderseitigen Wunsch und Willen entsprechen und sollte am Ende eines Dialogs stehen, der so lange dauert wie nötig. Natürlich ist niemand verpflichtet, es überhaupt mit einem Medikament zu versuchen. Und niemand sollte es gegen seinen Willen tun und ohne genaue Kenntnis der Vor- und Nachteile, die damit verbunden sind.“

von Prof. Dr. Joest Martinius in Pädiatrische Praxis 59, S. 397-406 (2001) Hans Marseille Verlag GmbH München
vollständiger Artikel unter : www.paediatrica.de

Während erwachsene ADHS-Betroffene die Entscheidung für oder gegen die Stimulantien-Therapie weitgehendst alleine und für sich selbst entscheiden kann, haben ADHS-Kinder diese Möglichkeit nicht. Hier müssen die Eltern diese Entscheidung treffen.
Natürlich fällt die Entscheidung für oder gegen Medikamente niemand leichtfertig oder unüberlegt.

Viele Eltern von ADHS-Kindern werden hierüber in einen Gewissenskonflikt verwickelt, der sie zusätzlich sehr belastet. Einerseits ist da die Sorge und die Verantwortung um das betroffene Kind mit seinen typischen Symptomen und Verhaltensweisen, welche einer Behandlung bedürfen. Auf der anderen Seite steht aber auch genau diese Verantwortung zur Debatte, wenn es darum geht, MPH-Medikamente zu verabreichen. Hinzu kommen die Vorwürfe derjenigen, die ADHS nicht kennen oder nichts davon wissen (wollen), aber trotzdem wohlmeinende Ratschläge und Kommentare abgeben wollen. „Du gibst Deinen Kindern doch wohl nicht diese Drogen ?!“ wäre eine dieser typischen Fragen, derer sich ADHS-Eltern leider nur zu oft erwehren müssen und die sie immer wieder in die Lage bringt, sich rechtfertigen zu müssen.

Entscheiden sich die Eltern – in Zusammenarbeit mit dem Arzt – für eine Stimulantien-Therapie, so sollten die betroffenen Kinder in jedem Falle entsprechend darüber aufgekärt werden! Das ist in den meisten Fällen recht gut möglich, besonders dann, wenn das Kind schon in der Schule ist und dort bereits erste „Negativ-Erfahrungen“  aufgrund seiner „Andersartigkeit“ gesammelt hat. Man sollte seinem Kind mit einfachen, aber zutreffenden und ehrlichen Beschreibungen begreifbar machen, was ADHS ist, wie sich die Störung bei ihm bemerkbar macht, welche Auswirkungen ADHS haben kann, usw. Hilfreich für solche Erklärungen sind möglichst simpel gehaltene Vergleiche, die für das Kind nachvollziehbar und erkennbar sind. Ein gutes und sehr brauchbares Beispiel wäre etwa : „Wenn man schlecht hören oder nicht gut sehen kann, benötigt man ein Hörgerät oder eine Brille…“
Leider gibt es bisher nur sehr wenige kindgerechte Bücher oder sonstige Medien, welche man für diese Aufgabe als Hilfe einsetzen könnte. Wichtig ist es, dem Kind klar zu machen, dass die Einnahme der Medikamente keine „Bestrafung“ für seine Auffälligkeiten darstellt. Auch Erklärungen wie „Du bist krank im Kopf…“ sind eher als suboptimal anzusehen und sollten tunlichst vermieden werden ! Ebenso sollte man sein ADHS-Kind nicht belügen und vorgeben die Tabletten seien nur „Vitamine.“

Vorrangiges Ziel einer MPH-Therapie bei Kindern und Jugendlichen sollte es sein, den Patienten für andere – nicht medikamentöse – Behandlungen vorzubereiten bzw. „therapiefähig“ zu machen. Wenn diese anderen Therapien greifen und den für den jeweiligen Patienten notwendigen Erfolg erzielen, ist es i.d.R. nicht notwendig, MPH „lebenslang“ einnehmen zu müssen.

Persönliche Anmerkung :
Auch wenn ich mich mit diesem Artikel eher für den Einsatz von MPH bei ADHS ausspreche, so muss die Entscheidung für oder gegen Medikamente jeder für sich alleine treffen !
Die Entscheidung, es ohne Medikamente zu schaffen, verdient in jedem Falle Respekt und ich akzeptiere diese Entscheidung vollkommen. Auch die Homoöpathie kann unter Umständen bei ADHS hilfreich sein und zumindest Teilerfolge erzielen. Ebenso kann eine Umstellung der Ernährung – z.B. durch den konsequenten Verzicht auf Weißmehle, Zucker, Azo-Farbstoffe und Glutamat hilfreich sein, doch dürfte es wohl unmöglich sein, ein Kind 24 Stunden am Tag und 7 Tage die Woche von jeglichem Weißmehl- und Zucker fernzuhalten.

Neueren Erkenntnissen zur Folge, kann auch eine Therapie mit Magnesium- und / oder Zink-Präparaten bestimmte Symptomatiken der ADHS lindern. Wenn Sie derartige Präparate ausprobieren möchten, so befragen oder informieren Sie in jedem Falle  VORHER Ihren behandelnden Arzt ! Starten Sie keine Selbstversuche !!!

Auch möchte ich an dieser Stelle ausdrücklich vor sogenannten „Nahrungsergänzungsmitteln“ auf Basis von Algen oder Krustentiersschalen warnen !
Diese Mittel sind u.U. stark mit Schwermetallen belastet und können bereits bestehende Allergien verstärken oder auslösen ! Abgesehen davon unterliegen sie kaum einer Kontrolle, da sie weder als Arzneimittel, noch als Lebensmittel gelten. Die Wirkung dieser Mittel ist eher zweifelhaft und meistens sind sie sehr sehr teuer.

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